Knie- und Gelenkverletzungen treten bei Sportlerinnen deutlich häufiger auf als bei anderen Geschlecht, besonders am vorderen Kreuzband. Warum und lässt es sich verhindern?
Warum Frauen häufiger Gelenkverletzungen erleiden
Wirtschaftlich wächste der professionelle Frauensport viereinhalbmal schneller als der der Männer. Doch Knie- und Gelenkverletzungen treten bei Sportlerinnen deutlich häufiger auf als bei anderen Geschlecht, besonders am vorderen Kreuzband. Studien zeigen, dass ihr Risiko je nach Sportart zwei- bis achtmal höher sein kann. Ursachen sind unter anderem anatomische und biomechanische Unterschiede sowie sportartspezifische Belastungen. Eine Übersicht.
Ein anderes Risiko
Das Kniegelenk ist eines der am stärksten belasteten Gelenke im Sport. Besonders das vordere Kreuzband (ACL) spielt eine zentrale Rolle für Stabilität und Kontrolle bei schnellen Bewegungen. Verletzungen entstehen häufig bei abruptem Abbremsen, Sprüngen oder Richtungswechseln – Bewegungen, die in vielen Sportarten zum Alltag gehören.
Sportmedizinische Studien zeigen deutlich, dass Sportlerinnen ein höheres Risiko für Kreuzbandverletzungen haben als männliche Athleten. Je nach Studie liegt das Risiko zwei- bis achtmal höher, wenn Frauen und Männer denselben Sport ausüben.
Auch epidemiologische Analysen bestätigen dieses Bild: In einer Auswertung sportlicher Verletzungen lag die Rate von ACL-Verletzungen bei 1,9 Verletzungen pro 10.000 Athleten-Expositionen bei Frauen, während sie bei Männern bei 0,9 pro 10.000 lag. Damit ist das Risiko bei Sportlerinnen etwa 1,7-mal höher.
Besonders im Fußball zeigt sich der Unterschied deutlich: Frauen haben hier mindestens ein doppelt so hohes Risiko für schwere Knieverletzungen wie Männer – unabhängig vom Leistungsniveau.
Eine Frage der Sportart
Nicht alle Sportarten stellen dieselben Anforderungen an Gelenke und Bänder. Besonders riskant sind Disziplinen mit schnellen Richtungswechseln, Sprüngen und lateralem Bewegungsmuster.
Typische Beispiele sind:
- Kontaktsportarten: Fußball, Basketball, Handball oder Hockey
- Sportarten mit schnellen Richtungswechseln: Tennis, Badminton oder Padel
- Sportarten mit vielen Sprüngen: Volleyball oder Turnen
Gerade in diesen Sportarten treten die meisten Kreuzbandverletzungen auf. In Basketball- und Fußballligen etwa gehören ACL-Rupturen zu den häufigsten schweren Verletzungen im Profisport.
Hinzu kommt: Rund 80 % der Kreuzbandverletzungen entstehen ohne direkten Kontakt, also beispielsweise bei einer Landung nach einem Sprung oder bei einem abrupten Richtungswechsel.
Anatomische Unterschiede
Ein wichtiger Faktor liegt in der Anatomie. Frauen haben im Durchschnitt eine andere Bein- und Hüftstruktur als Männer. Ein zentraler Punkt ist der sogenannte Q-Winkel, also der Winkel zwischen Hüfte, Knie und Unterschenkel. Dieser ist bei Frauen häufig größer, was zu einer anderen Belastungsachse im Knie führen kann.
Beim Landen nach einem Sprung oder beim schnellen Richtungswechsel entstehen dadurch größere Kräfte im Kniegelenk. In manchen Situationen kann das Band dadurch stärker belastet werden als bei männlichen Athleten.
Auch strukturelle Unterschiede im Kniegelenk selbst spielen eine Rolle. Bei vielen Frauen ist der Raum im Knie, durch den das Kreuzband verläuft, etwas enger. Dies kann dazu führen, dass das Band bei bestimmten Bewegungen stärker beansprucht wird.
Bewegungsmuster und Muskelaktivierung
Neben der Anatomie spielt auch die Biomechanik der Bewegung eine wichtige Rolle. Studien zeigen, dass Sportlerinnen beim Landen oder Abbremsen oft andere Bewegungsmuster zeigen als Männer.
Dazu gehören zum Beispiel:
- weniger Kniebeugung bei Landungen
- stärkere Einwärtsbewegung des Knies
- andere Aktivierung der Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur
Diese Faktoren können dazu führen, dass das Kreuzband stärker belastet wird – insbesondere bei Sprüngen oder Richtungswechseln. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass gezielte Trainingsprogramme dieses Risiko deutlich senken können.
Eine große Metaanalyse mit über 27.000 Athletinnen zeigte beispielsweise, dass Präventionsprogramme mit neuromuskulärem Training das Risiko für Kreuzbandverletzungen deutlich reduzieren können.
Beispiele aus dem Spitzensport
Das Thema ist längst auch im internationalen Spitzensport sichtbar geworden. In den vergangenen Jahren mussten zahlreiche bekannte Athletinnen wegen Kreuzbandverletzungen pausieren.
Internationale Beispiele sind insbesondere die Fußballerinnen Beth Mead (England), Sam Kerr (Australien) und Vivianne Miedema (Niederlande). Auch im deutschen Spitzensport ist das Thema präsent. Besonders bekannt ist der Fall von Lena Oberdorf, Nationalspielerin und Mittelfeldspielerin des FC Bayern München, die innerhalb kurzer Zeit zweimal einen Kreuzbandriss erlitt.
Solche Verletzungen sind nicht nur schmerzhaft, sondern bedeuten oft Monate der Rehabilitation – und können in manchen Fällen sogar Karrieren verkürzen.
Ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren
Die Forschung zeigt inzwischen deutlich: Es gibt nicht den einen Grund, warum Frauen häufiger Knieverletzungen erleiden. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
- anatomische Unterschiede
- biomechanische Bewegungsmuster
- Muskelaktivierung und Stabilität
- sportartspezifische Belastungen
- Trainings- und Wettkampfbedingungen
Genau deshalb beschäftigen sich immer mehr Forschungsprojekte mit gezielten Präventionsstrategien – insbesondere im Frauen-Leistungssport.
Gelenkgesundheit langfristig unterstützen
Neben gezieltem Training und guter Technik spielt auch die langfristige Unterstützung der Gelenkstrukturen eine Rolle. In der sportmedizinischen Diskussion werden dabei häufig Nährstoffe genannt, die am Knorpelstoffwechsel, antioxidativen Schutz oder Bindegewebe beteiligt sind.
Dazu zählen beispielsweise:
- Glucosamin
- Chondroitin
- Vitamin C
- Vitamin E
- Selen
- Zink
Eine ausreichende Versorgung mit diesen Mikronährstoffen kann dazu beitragen, Bindegewebe und Gelenkstrukturen zu unterstützen, insbesondere bei hoher sportlicher Belastung und mit zunehmendem Alter.
Fazit
Frauen erleiden im Sport häufiger Knie- und Gelenkverletzungen als Männer – vor allem in Sportarten mit schnellen Richtungswechseln, Sprüngen und intensiven Belastungen des Kniegelenks. Studien zeigen, dass das Risiko für Kreuzbandverletzungen je nach Sportart zwei- bis achtmal höher sein kann.
Die Gründe liegen in einem komplexen Zusammenspiel aus Anatomie, Bewegungsmustern und sportlichen Belastungen. Gleichzeitig wächst das Wissen über Prävention und Training kontinuierlich.
Mit gezielten Trainingsprogrammen, einer guten sportmedizinischen Betreuung und einem bewussten Umgang mit der eigenen Gelenkgesundheit können Athletinnen viel dafür tun, ihre Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten – und ihren Sport über viele Jahre hinweg gesund auszuüben.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie – Kreuzbandverletzungen bei Frauen
- Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin – ACL-Verletzungen im Sport
- Springer Medizin – Metaanalyse zu Präventionsprogrammen bei Athletinnen
- Medizinwelt – Statistik zu ACL-Verletzungen im Sport
- Fitbook – Ursachen für häufigere Kreuzbandverletzungen bei Frauen
- DFB Akademie – Verletzung des vorderen Kreuzbandes
- Nachrichtenberichte zu ACL-Verletzungen im Frauenfußball (u. a. Lena Oberdorf)